"Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist ungebrochen, aber sie äußert sich anders als bei vorherigen ­Generationen und braucht passende Angebote." Berthold Schröder, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Handwerkskammer Dortmund.

"Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist ungebrochen, aber sie äußert sich anders als bei vorherigen ­Generationen und braucht passende Angebote." Berthold Schröder, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Handwerkskammer Dortmund. (Foto: © Marcel Kusch/HWK Dortmund)

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Ehrenamt: "Man bekommt viel mehr zur√ľck"

Das Handwerk ist auf soziales Engagement angewiesen. Mit der Ehrenamtsakademie Schloss Raesfeld erhalten engagierte ¬≠Menschen tatkr√§ftige Unterst√ľtzung. WHKT-Pr√§sident Berthold Schr√∂der im Interview.

Lässt sich Ehrenamt lernen? Berthold Schröder lacht. "Machen ist das eine", sagt der Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Handwerkskammer Dortmund (­siehe Interview unten). "Aber die im Ehrenamt Tätigen brauchen auch jemanden an ihrer Seite."

Unterstützen, ­qualifizieren, begleiten – das sind die drei ­Aufgaben der Ehrenamtsakademie des NRW-Handwerks, kurz EAH, die das nordrhein-westfälische Handwerk mit Blick auf die Netzwerkbildung bewusst auf Schloss Raesfeld angesiedelt hat. "Wir haben die EAH ­Ende 2020 als Plattform für Weiterbildung, Netzwerk und Würdigung ehrenamtlichen Engagements, aber auch als Nachwuchsgewinnung für das handwerkliche Ehrenamt, ins ­Leben ­gerufen", definiert Schröder die bislang einzigartige ­Institution.

Der Kitt der Gesellschaft

Ehrenamtliches Engagement ist der Kitt der Gesellschaft: Rund 40 Prozent aller Menschen ab 14 Jahren sind ehrenamtlich unterwegs. Sie helfen bei Umweltkatastrophen, in Vereinen, bei der Feuerwehr oder im Handwerk: "Das Ehrenamt ist das Rückgrat bei den Prüfungsausschüssen, auch die Strukturen im Handwerk von der Innung bis zu den Vollversammlungen sind vom ehrenamt­lichen Engagement getragen", so der gelernte Zimmerermeister. Fehle der Nachwuchs, stelle das die ganze Struktur des Handwerks in Frage.

Mit Förderung durch das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium konnte das EAH schon Ende 2021 erste Veranstaltungen anbieten. Das Angebot reicht von Rhetorik-Coachings und sprachsensiblem Prüfen über Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu ­allgemeinen oder handwerkspolitischen Themen. Der Bedarf wird kontinuierlich überprüft und angepasst.

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Wandel im Ehrenamt – Generation Z bringt neue Dynamik

Ein Ziel hat sich die EAH dabei ganz besonders gesteckt: gezielt Nachwuchswerbung für das Ehrenamt gerade in der Generation Z zu machen. "Viele verurteilen die Generation Z pauschal, aber Menschen sind generell sehr unterschiedlich", sagt der WHKT-Präsident. "Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist ungebrochen, aber sie äußert sich anders als bei vorherigen ­Generationen und braucht passende Angebote."

Seit der Gründung haben fast 600 Teilnehmer erfolgreich an den kostenlosen Seminaren teilgenommen, die Zahlen steigen aber an. Schröder: "Ich finde die Zahlen bemerkenswert, denn noch ist die EAH ein zartes Pflänzchen – aber hoffentlich eins, das stark wächst und der ganzen Handwerksorganisation über ­regionale Grenzen hinaus hilft."
ehrenamtsakademie-handwerk.de

ZITAT "Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist ungebrochen, aber sie äußert sich anders als bei vorherigen ­Generationen und braucht passende Angebote." Berthold Schröder, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Handwerkskammer Dortmund

Berthold Schröder ist Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Handwerkskammer Dortmund. Die Gründung der Ehrenamtsakademie Handwerk auf Schloss Raesfeld (EAH) geht auf die Initiative des WHKT zurück, um gezielter Nachwuchs fürs Ehrenamt zu gewinnen.

DHB: Herr Schröder, hat die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement abgenommen?
Schröder:
Nein, das sehe ich nicht, da sich die Menschen nach wie vor vielfältig engagieren. Aber die Art, ehrenamtlich zu arbeiten, ändert sich. Früher haben Menschen ein Ehrenamt angetreten und dieses über Jahre, je nach Aufgabe sogar für Jahrzehnte übernommen. Heute will man eher projektorientierteres Engagement zeigen und sich nicht auf eine Dekade festlegen.

DHB: Der Nachwuchs hat Angst vor einer langfristigen Bindung?
Schröder:
Die Welt hat sich verändert – und damit die Menschen. Es ist eine andere Balance zwischen der Arbeit und dem Rest des Lebens erforderlich. Das führt automatisch zur Frage, ob die klassischen Instrumente noch ausreichen. Ein Beispiel: Früher wählte man einen Obermeister, der dann das Amt 30 Jahre ausgefüllt hat. Das wird künftig eher die Ausnahme als die Regel sein. Diese Erkenntnis hat übrigens die EAH bestätigt.

DHB: Ist das nicht eine Frage des Charakters?
Schröder:
Natürlich ist ein soziales Engagement auch typabhängig, aber die meisten lassen sich von den Fragen leiten, wo kann ich was bewegen und ist das auch für mich persönlich spannend?

DHB: Damit verändert sich aber die Struktur des ­Ehrenamts …
Schröder:
… weil man größere Netzwerke braucht, wenn Engagement in Projektzeiträumen umgesetzt wird, richtig. Das kann sehr befruchtend sein, weil häufiger Wechsel auch zu einer Belebung von Strukturen führt.

DHB: Sie werden hinterfragt.
Schröder:
Das ist auch richtig so, weil wir so das eine oder andere vorhandene Defizit ausgleichen können.

DHB: Wie kommen Sie an den Nachwuchs heran?
Schröder:
Wir brauchen ein Mentorenprogramm, weil niemand morgens aufsteht und sich sagt: "Heute will ich Obermeister werden." Damit meine ich Menschen, die die junge Generation an die Hand nehmen und ihnen zeigen, was hinter dieser ehrenamtlichen Welt steckt. Ganz wichtig ist, dass das Engagement ganz stark zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Man investiert nicht nur, sondern bekommt wesentlich mehr zurück, was nahezu alle Engagierte im Rückblick sagen.

DHB: Dazu zählt sicherlich auch das Netzwerk.
Schröder:
Ohne jede Frage – man erweitert seinen Kreis um ganz viele Personen und Persönlichkeiten, die sonst nie im eigenen Bekanntenkreis aufgetaucht wären. Man erlebt ganz viel im handwerklichen oder auch caritativen Umfeld mit Gänsehaut-Geschichten, die man noch mehr in die Öffentlichkeit – etwa durch den jährlichen Ehrenamtstag – tragen muss.

DHB: Lässt sich Ehrenamt lernen?
Schröder:
Lernen muss man es nicht, ab es geht um Ertüchtigung. Nehmen Sie allein die juristische ­Seite, wo Engagierte möglicherweise Haftungsfragen klären müssen. Auch eine Rede vor einer Versammlung zu halten, ist nicht jedem in die Wiege gelegt worden. Die EAH soll gezielt hier unterstützen, aber auch beitragen, das Netzwerk untereinander zu bilden und zu stärken.

Das Interview führte: Stefan Buhren

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Text: / handwerksblatt.de

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