Das Styropor wird vor Ort so verdichtet, dass aus 50 Lkw-Ladungen nur noch eine wird.

Das Styropor wird vor Ort so verdichtet, dass aus 50 Lkw-Ladungen nur noch eine wird. (Foto: © Jörg Diester)

Vom Öko-Sorgenkind zum grünen Musterschüler

Innovation: Ein erfinderischer Maschinenbauer aus der Eifel löst das Problem mit HBCD-haltigem Dämmstoff.

Will man die Entwicklung von Dr. Frank Ziebeil und seinem Sohn Leif erklären, hilft ein bildhafter Vergleich. Stellen Sie sich vor, man übergibt Ihnen 1.000 Luftballons für einen Transport mit dem normalen Pkw. Würden Sie 1.000 aufgeblasene Ballons bevorzugen oder 1.000 ohne Luft, verpackt in einer Kiste so groß wie ein Schuhkarton? Keine Frage: Für den Transport ist der Karton ohne Luft im Ballon die bessere Lösung.

Probleme bei Entsorgung

Die Erfindung von Maschinenbauer Frank Ziebeil kann auch im Dachdeckerbetrieb von HwK-Präsident Krautscheid ein großes Problem lösen. Foto: © Jörg DiesterDie Erfindung von Maschinenbauer Frank Ziebeil kann auch im Dachdeckerbetrieb von HwK-Präsident Krautscheid ein großes Problem lösen. Foto: © Jörg Diester

Ähnlich sieht das der promovierte Maschinenbauer Ziebeil aus Niederzissen in der Eifel. Nur hat er sich nicht auf Luftballons spezialisiert, sondern auf "expandiertes Polysterol" (EPS). In der Sache funktioniert der beliebte und häufig eingesetzte Dämmstoff ähnlich wie der Ballon. Das Ausgangsmaterial wird mit Luft aufgeschäumt, nennt sich dann im Volksmund Styropor und besitzt sehr gute Wärmedämmeigenschaften. "Deshalb hat man es über Jahre und Jahrzehnte in der energetischen Gebäudedämmung verbaut", weiß Ziebeil. Kaum ein Haus kommt ohne aus.

Das ging so lange gut, bis das Dämmmaterial im Zuge einer Sanierung wieder vom Dach oder von der Hauswand runterkommt. Politisch machte die Entsorgung vor Jahren wegen der HBCD-Haltigkeit Schlagzeilen. Hexabromcyclododecan (HBCD) galt als problematischer Zuschlag, der im Sinne des Brandschutzes dem Polysterol zugegeben wurde.

Beseitigung mit hohen Kosten verbunden

Grundsätzlich wurden HBCD-haltige Kunststoffe als ungefährlich eingestuftsolange sie nicht auf der Müll-Deponie landen. Ihre Entsorgung, so schrieb der Gesetzgeber vor, müsse über eine Verbrennung erfolgen. So gab es 2017 plötzlich einen Stau in der Beseitigung dieses Baumaterials, weil ihn in Deutschland nur noch wenige, ausgesuchte Müllverbrennungsanlagen entsorgen durften. Die Wege zu diesen Anlagen waren lang, die Kosten für die behördlich korrekte Beseitigung stiegen.

"Gerade für uns Dachdecker wurde das zum großen Problem, und diese Entscheidung ging an jeglicher Praxis vorbei", kritisiert Dachdeckermeister Kurt Krautscheid aus Neustadt an der Wied, der sich als Präsident der Handwerkskammer (HwK) Koblenz und als Mitglied des Präsidiums beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) damals bundesweit stark machte für eine Vereinfachung des Entsorgungsverfahrens.

Letztendlich änderte das Bundesumweltministerium die gesetzlichen Grundlagen. Doch schon in dieser Zeit forschte das Team von Frank Ziebeil "FZ-Recycling" an einer anderen Lösung der Entsorgung. Was wäre, wenn man das künstlich aufgeschäumte Styropor wieder verdichtet und so den Transport vereinfacht, schließlich einen Verwerter findet, der es nicht verbrennt, sondern recycelt und zurückbringt in den Wirtschaftskreislauf?

Aus 50 mach eins durch Verdichtung

Für den ersten Schritt – die Komprimierung – entwickelte der Maschinenbauer eine Anlage, den "EPS-Schneckenverdichter". Der lässt sich fest aufstellen oder auch auf einem Anhänger hinter einem Pkw mobil zur Baustelle bringen. Dort werden die Dämmplatten in einen Schacht eingeführt, geschreddert und unter extremem Druck als Block hinten wieder ausgeworfen. "So machen wir aus 50 LKW-Ladungen normalem Styropor dank Verdichtung eine LKW-Ladung." Schon das entlastet die Umwelt massiv und reduziert den Einsatz von Transportmitteln.

Weiterer Vorteil seines Verfahrens: Auch nasses Dämmmaterial kann verarbeitet werden. "Beim Verdichten wird das oft im EPS enthaltene Wasser, wie wir es von den "abgesoffenen Dächern" kennen, ausgequetscht und separiert. Der gesamte Entwicklungsprozess war nur mit Unterstützung regionaler Dachdecker möglich, mit denen die Technik in der Praxis auf den Baustellen entwickelt und erprobt wurde", geht Ziebeil auf die Zusammenarbeit mit dem Handwerk ein

Ziebeils Unternehmen macht so aus einem Kubikmeter Styropor mit 20 Kilogramm Gewicht einen Block mit gleichem Volumen, der dann aber eine Tonne wiegt!

Zitat "Das ist gelebte Nachhaltigkeit und eine wirkliche Entlastung der Umwelt wie auch des Geldbeutels!" Kurt Krautscheid, Dachdeckermeister

Zusammenarbeit mit Spezialist Polystyreneloop

Im zweiten Schritt fand Erfinder Ziebeil mit dem niederländischen Unternehmen Polystyreneloop einen Spezialisten, der über ein physikalisches Verfahren aus dem Kunststoff-Abfall ein Granulat gewinnt, das wieder als Ausgangsmaterial für Polysterol-Produkte dient. "Hier schließt sich der Kreis", ist er zu Recht stolz auf seine Entwicklung, die Unternehmen aus Handwerk, Industrie, Entsorgung und Abbruch nutzen können. Dafür stellt er mobile Schneckenverdichter zur Verfügung und sorgt für den Abtransport zu Polystyreneloop. So ist auf Mietbasis alles in einer Hand und eine Wiedergewinnung des Dämmstoffs garantiert.

Dachdecker Krautscheid zählte zu den ersten Kunden und praxisnahen Mitentwicklern. "Das ist gelebte Nachhaltigkeit und eine wirkliche Entlastung der Umwelt wie auch des Geldbeutels!" Denn im Vergleich zu den bisherigen Kosten für Transport und die anschließende Verbrennung ist das Ausleihen des Verdichters und das Recycling in Holland günstiger. "Eine wirklich sinnvolle Entwicklung, die ihren Ursprung hier in der Region und im Mittelstand hat", lobt Kurt Krautscheid.

Weitere Synergieeffekte herstellen

Der Erfolg des neuen Verfahrens ist vorprogrammiert, dem nicht nur national, sondern auch international eine Schlüsselrolle beim Baustoffrecycling zufallen kann. Und auch Andreas Unger, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes des Dachdeckerhandwerks Rheinland-Pfalz, lobt das neue Verfahren. "Wir wollen nun möglichst schnell auch andere Unternehmen dazu informieren, denn möglicherweise lässt sich über eine Koordination verschiedener Entsorgungsmaßnahmen nochmals ein Synergieeffekt herstellen." Damit ließe sich ein zusätzlicher Beitrag für Nachhaltigkeit und Umweltschutz erzielen – ganz nach dem Motto: Handwerk hat grünen Boden!

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Text: / handwerksblatt.de

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