Doreen, Leanne und René Binger aus Hamm in Westfalen teilen sich einen Geburtstag und ihre Leidenschaft für den Sport: Doreen fährt Kanu, spielt Volleyball und geht laufen. Leanne macht Ropeskipping und hat eine Schwäche für schnelle Autos und Motorräder. René läuft Langstrecke und steht als Übungsleiter in der Leichtathletik auf dem Platz. Viel mehr Gemeinsamkeiten haben sie privat nicht. Jeder hat eigene Freunde, eigene Pläne, ein eigenes Tempo.
Beruflich ist das anders: Hier sind sie alle im Handwerk gelandet. Doreen ist im dritten Lehrjahr in einer Schreinerei. Leanne lernt – ebenfalls im dritten Lehrjahr – in einer Kfz-Werkstatt und plant, im Anschluss eine Weiterbildung zum Folieren und Lackieren. René hat seine Ausbildung im Sanitär-Heizung-Klima-Handwerk verkürzt abgeschlossen und hängt seit August eine zweite im Elektrohandwerk an.
Unverständnis bei Lehrer und Freunden
René Binger hat seine Ausbildung im SHK-Handwerk verkürzt abgeschlossen und hängt nun eine zweite im Elektrohandwerk an. Foto: © Christiane Potthoff / WortWerkstatt26Vorgezeichnet war ihr Weg nicht unbedingt. Der Großvater war Maler, der Onkel ist Dachdecker, der Vater gelernter Stuckateur. Einen Betrieb, den jemand übernehmen sollte, gab es aber nicht. "Wir sind aber mit dem Handwerk groß geworden", sagt René Binger. "Wir haben unserem Opa immer gerne geholfen und Spaß daran gefunden, mit den Händen etwas zu machen."
Bei Doreen Binger gab ein Praktikum den Ausschlag. "Ich habe ein Praktikum in einer Schreinerei gemacht und wusste einfach, dass das meins ist." In der Realschule war sie Stufenbeste. Ihre Noten hätten fürs Abitur gereicht, und genau das hielten ihr Lehrer vor, als sie von ihren Ausbildungsplänen erzählte. Auch im Freundeskreis stieß sie auf Unverständnis: weniger Urlaub, weniger Freizeit, warum tut man sich das an?
Leanne Binger hatte andere Bedenken. Sie fragte sich, ob man sie als junge Frau in einer Kfz-Werkstatt ernst nehmen würde. Auch sie probierte es zuerst im Praktikum aus. "In diesen Wochen der Praxiserfahrung waren meine Zweifel weg. Ich wurde von Anfang an akzeptiert." Sie merkte, dass sie zupacken und mit den Sprüchen umgehen kann, die in Werkstätten fallen: mit Humor, mit klarer Haltung – und indem sie manches einfach abprallen lässt und weiterarbeitet.
Doreen Binger macht eine Ausbildung zur Schreinerin. Foto: © Christiane Potthoff / WortWerkstatt26René hatte nach der mittleren Reife "keine Lust mehr auf Schule". Er wollte etwas tun. Zuerst dachte er an den Beruf des Zimmerers – mit dem Großvater hatte er oft gewerkelt. Bei der Berufsberatung stieß er dann auf das Sanitär-Heizung-Klima-Handwerk. Ihn reizte die abwechslungsreiche Arbeit und dass es um Dinge geht, die jeder jeden Tag braucht, ohne darüber nachzudenken. "Das passte einfach", sagt er.
An die ersten Tage erinnern sich alle drei ähnlich: Erst kam die Frage, ob man dazugehört und irgendwann die Gewissheit, dass es so ist. Leanne spürte am ersten Tag die Blicke der Kollegen, wie sie erzählt. "Kann die das? Kriegt die das hin?" Heute arbeitet sie eigenverantwortlich. Das Vertrauen in sie sei Schritt für Schritt gewachsen.
Doreen ist in ihrem Betrieb unter überwiegend männlichen Kollegen. Sie habe früh gelernt, wann man etwas sagt, wann man sich heraushält und wann man einfach erledigt, was ansteht, erzählt sie.
René beschreibt es aus Sicht des Betriebs. "Am Anfang muss man zeigen, dass man sich wirklich interessiert. Dann lassen einen die Gesellen mit der Zeit mehr machen." Das gelte auch fürs Fegen. Wer schon da keinen Einsatz zeige, bekomme so schnell nichts anderes.
Die Drillinge würden sich eine Willkommensmappe für Azubis wünschen
Leanne Binger lernt in einer Kfz-Werkstatt. Foto: © Christiane Potthoff / WortWerkstatt26Gefragt, was sie an ihrer Ausbildung verbessern würden, nennen alle drei zuerst die Kommunikation von Gesellen, Meistern und Inhabern mit ihnen. Dazu eine Ausbildung, die erkennbar geplant ist, mit einer Willkommensmappe am ersten Tag. Und regelmäßige Feedbackgespräche. "Nur so wissen wir doch, was wir schon gut machen und wo es noch Potenzial zu Verbesserungen gibt", erklärt Leanne.
Wichtig ist ihnen auch, dass jemand hinschaut, wenn etwas gut gelaufen ist. Rückmeldung nur bei Fehlern reicht ihnen nicht. "Schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen", sagt Leanne.
Pläne für die Zukunft
Die Drillinge schauen voraus. Doreen will nach der Gesellenprüfung ins Ausland und eine Schreinerei in einem anderen Land kennenlernen. "Ich möchte mir alle Türen offenhalten." Sie denkt über den Meister nach oder über ein Studium der Holztechnik. "Hauptsache, ich kann etwas Kreatives mit Holz machen."
Leanne spart, zuerst für den Motorradführerschein, dann für alles, was danach kommt. Finanzielle Sicherheit ist ihr wichtig. Ihr ganzes Berufsleben als Gesellin zu verbringen, kann sie sich nicht vorstellen.
Foto: © Christiane Potthoff / WortWerkstatt26René hat seinen nächsten Schritt schon begonnen. Im Sanitär-Heizung-Klima-Betrieb hat er zumeist Wärmepumpen eingebaut, oft gemeinsam mit den Elektrikern. Dabei fiel ihm auf, wie viel einfacher es für Kunden wäre, beides aus einer Hand zu bekommen. Seit August lernt er deshalb im Elektrohandwerk, ist direkt ins zweite Lehrjahr eingestiegen. Unterscheiden will er die beiden Berufe nicht. "Ich mag beides gern."
An beiden schätzt er, dass jeder Tag anders aussieht, dass er draußen beim Kunden ist und nicht in einer Halle steht. Sein Ziel: der Meister in der Elektrotechnik und später ein gemeinsamer Betrieb mit einem Freund, den er bei seiner Sanitär-Heizung-Klima-Ausbildung kennengelernt hat.
Wärmepumpen, Elektromobilität, digital gesteuerte Maschinen in der Schreinerei: Die drei erleben den Wandel ihrer Gewerke täglich und haben keine Berührungsängste. Eine Grenze ziehen sie trotzdem. "Ich möchte wirklich etwas mit der Hand machen", sagt Doreen. "Nur auf einen Knopf zu drücken, ist nicht das, warum ich ins Handwerk gegangen bin."
Tipp für Jugendliche: Längere Praktika machen
Was sie Jugendlichen raten, die noch zögern? Die Antwort fällt einheitlich aus: ein Praktikum machen, und zwar eines, das länger dauert als zwei Tage. Mit anpacken und herausfinden, ob es passt. René empfiehlt die Ferien dafür. "Wer vorher reinschnuppert, weiß, was ihm wirklich Spaß macht. Das spart später Zeit und vermeidet den Abbruch einer Ausbildung, weil das Thema doch nicht zu einem passt."
Und den Satz "Du machst ja nur eine Ausbildung" soll man nicht zu nah an sich heranlassen. "Das ist weder wertschätzend noch angemessen", sagt Leanne. "Ich werde als Azubi fachlich dort gefördert, wo meine Interessen liegen. Ich lerne etwas, das ich mein Leben lang brauche, und verdiene schon in einem Alter Geld, in dem andere noch die Schulbank drücken." Sie seien früh selbstständig geworden, sagt sie, und hätten Selbstbewusstsein gewonnen.
Doreen beschreibt ihren Beruf in einem Satz: "Handwerk bedeutet für mich Vielfalt und Kreativität." Leanne ergänzt: "Und am Ende des Tages zu sehen, was man mit den eigenen Händen geschafft hat. Das macht uns stolz."
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Text:
Christiane Potthoff WortWerkstatt26 /
handwerksblatt.de
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