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Handwerker: Ausgebrannt und am Ende?

Betriebsführung

Echte Kerle haben so was nicht? Irrtum! Ein Burnout kann auch Handwerksunternehmer treffen. Mittlerweile soll schon jeder Zehnte einmal daran gelitten haben. Dabei sind die Übergänge zwischen Burnout und Depression fließend.

Je höher die Arbeitsbelastung, desto häufiger treten Depressionen auf. Das zeigt eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Untersuchung zeigt auch: Mehr Selbstständigkeit bei der Arbeit senkt das Risiko nicht. Also sind Unternehmer auch nicht besser gegen ein Burnout oder eine Depression geschützt als Angestellte.

Jürgen Kässer, Dozent am Psychoanalytischen Institut in Stuttgart, hat beinahe täglich mit dem Burnout-Syndrom zu tun. Er coacht Unternehmer und betreibt eine Praxis für Psychotherapie. Erst kürzlich hat er einen Düsseldorfer Sanitäranlagenbauer betreut. Im harten Wettbewerb kämpft Markus Leonhard (Name geändert) um jeden Auftrag. Der Termindruck ist enorm. Ein Stressjob. Nach außen wirkt sein Klient jedoch völlig perfekt. Eben jemand, der sehr viel arbeitet und im Chaos einer Großbaustelle einen kühlen Kopf behält.

"Depression verkleidet sich"

Für den Business-Coach geht ein Burn-out meist mit einer verdeckten Depression einher: "Die Depression verkleidet sich." Die Symptome überlappen sich dabei. Typische Burnout-Patienten trifft man in allen Berufsgruppen, auch bei Handwerkern. Burnout heißt übersetzt ausgebrannt. So fühlen sich die Betroffenen, nach außen wirken sie allerdings engagiert und haben meist eine große Verantwortung. Unter der Oberfläche sieht es jedoch ganz anders aus. "Besonders Unternehmer haben die Begabung, Stimmungen perfekt zu überdecken und ihre Überlastung nicht wahrzunehmen", weiß der Coach.

Der Bad- und Heizungsspezialist Leonhard etwa kam erst nach einer Herzattacke zu ihm. Ist die Bereitschaft da, sich mit den eigenen Schwierigkeiten und Widerständen auseinanderzusetzen, dann ist die erste Hürde genommen. Oft geben die Ehepartner oder Freunde den letzten Anstoß, sich fachkundige Hilfe zu holen. "Sobald sich ein Mandant auf seine inneren Herausforderungen einlässt, kann ich ihm helfen, ein neues berufliches und privates Kapitel aufzuschlagen", rät Kässer.

Sind Sie gefährdet? Checkliste sieben Warnzeichen für einen Burnout!

  1. Erfolg: Obwohl jemand nach außen sehr erfolgreich, dynamisch und kreativ wirkt, fühlt er sich ausgebrannt.
  2. Gereizeitheit: Man steht ständig an der Schwelle zum Explodieren und leidet unter häufigen Verstimmungen. Die Gedanken werden immer düsterer.
  3. Schlafstörungen: Der Betroffene ist ständig müde und gleichzeitig unruhig. Nachts wacht er auf und schreibt beispielsweise Geschäftsbriefe.
  4. Lustlosigkeit: Die Person fühlt eine innere Leere und kann sich an nichts freuen. Sie hat keine Lust auf Sexualität.
  5. Kontaktprobleme: Der Betroffene empfindet kein Bedürfnis mehr, sich mit Kollegen oder Familienmitgliedern auseinanderzusetzen.
  6. Selbstüberforderung: Man stürzt sich in Arbeit.
  7. Suchtmittelmissbrauch: Es wird zu viel Alkohol konsumiert.

Der Psychoanalytiker diagnostizierte im Fall des Handwerksunternehmers eine verdeckte Depression. Das Burnout sei nur eine natürliche Folge gewesen. Denn der Chef des 20 Mann-Betriebs hatte sich mit Arbeit abgelenkt und die Depression verdeckt – bis zum Zusammenbruch. "Mein Klient wollte der Depression quasi davonrennen", sagt Kässer. 

Selbsteinschätzung des Handwerkers war komplett negativ

Leonhard sah sich außerstande, sein Arbeitspensum zu reduzieren, da er im Zuge der Finanzkrise um jeden Auftrag kämpfen musste. Dazu übernahm er sogar Aufgaben seiner Meister und war wegen Finanzengpässen auch ständig in der Buchhaltung gefragt. An diesem Punkt setzte er an. Zunächst bekam er die Aufgabe, den sozialen Kontakt zu seinen Meistern zu stärken. Danach bereitete ihn der Business-Coach auf Gespräche mit seinen Auftraggebern vor. "Er musste lernen, sich bei seinen Kunden besser zu verkaufen", erklärt Kässer. Denn die Selbsteinschätzung des Mannes war komplett negativ, Selbstzweifel und mangelnde Eigenliebe zerfraßen ihn geradezu.

Kässer verfolgt bei seiner Beratung von Unternehmern einen ganzheitlichen Ansatz. Deshalb verschafft sich der Stuttgarter immer einen Überblick über die gesamte Lebenssituation seines Mandanten, nicht nur dessen Arbeit. "Ich rege meine Klienten dazu an, sich mit ihrer Lebenssituation bis in die Tiefe auseinanderzusetzen", erklärt Kässer. Als Folge ergeben sich oft überraschende Lösungen und neue Perspektiven. Dabei spielen Familie und Freizeitverhalten eine wesentliche Rolle. Denn psychische Gesundheit sei ein Zustand, "Gefühle im jeweiligen Moment bewusst und stark zu erleben."

Checkliste: Vermeiden Sie einen Burnout!

  • Prioritäten setzen: Die höchste Priorität haben Aufgaben, die wichtig und termingebunden sind. Das können Abnahmetermine mit Kunden, das Stellen von Rechnungen, aber auch Geburtstagswünsche sein. Arbeiten Sie diese zuerst ab, dann entsteht kein unnötiger Druck.
  • Emotionale Betroffenheit: Wer sich selbst und ein Team führen will, muss sich emotional darauf einlassen können. Nur, wenn man als Chef innerlich "Ja" zu einer Aufgabe sagt, gelingt diese auch. Setzen Sie nicht jedes Projekt sofort um – nehmen Sie sich stattdessen mal eine Auszeit, um zu prüfen, welche Dinge wichtig sind. 
  • Das Ganze sehen: Machen Sie sich zweimal im Jahr Gedanken über Ihre persönlichen Ziele. Dazu gehören betriebswirtschaftliche Resultate ebenso wie familiäre Interessen oder persönliche Freiräume, etwa Sport oder Freundschaften.
  • Das Bewusstmachen: Wie stehe ich zu Betrieb, Mitarbeitern und Kunden und wie wirkt mein Handeln nach außen? Wer sich seine Einstellung bewusst macht, kann Gespräche und Zusammenhänge besser einordnen, um so mögliche Konflikte zu lösen und Probleme zu bewältigen.
  • Die Veränderung: Wer sich angesichts eines überquellenden Schreibtisches die Frage stellt, ob er noch durchblickt, ist auf dem richtigen Weg. Wagen Sie Veränderungen!
Text: / handwerksblatt.de