Sein Zimmer ist zirka zehn Quadratmeter groß und mit den üblichen Einrichtungsgegenständen wie einem Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und einem Regalbrett an der Wand ausgestattet. Ein Fenster gibt den Blick in den Innenhof frei. Wie an jedem Morgen startet sein Arbeitstag um 6 Uhr, wird von einer Pause am Mittag kurz unterbrochen und endet um 14:15 Uhr. Die Nachmittage nutzt er oft dazu, das Gelernte nochmal zu wiederholen.
Bis Medi* nach der Arbeit wieder zurück in seinem Zuhause auf Zeit ist, hat er bereits einige Kilometer und mehrere stark gesicherte Türen hinter sich gelassen – immer in Begleitung eines Justizvollzugsbeamten. Der 45-Jährige ist einer von fünf Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rheinbach, die die Modulare Teilqualifikation im Bereich Holz erfolgreich abgeschlossen haben.
Gefragt sind Durchhaltevermögen, Sozialverträglichkeit und Eigenmotivation
Zu Beginn des Kurses waren neun Männer angemeldet. Dass sich der Kurs zwischenzeitlich fast halbiert hat, zeigt die besonderen Herausforderungen, die das Projekt mit sich bringt: Die Inhaftierten müssen Durchhaltevermögen, Sozialverträglichkeit und Eigenmotivation mitbringen. Wer suchtmittelabhängig ist, wird nicht zugelassen. Die Urkunden überreichte der Präsident der Handwerkskammer zu Köln, Thomas Radermacher, beim Besuch in der Haftanstalt Mitte November persönlich.
Markus Geszler, Hauptwerkmeister in der JVA, hatte die Idee für dieses Kursformat, das er gemeinsam mit seinen Kollegen Mitja Bayer und Frederic Poschmann durchführt: "Den Impuls, Handwerk und Haft zusammenzubringen, gibt es schon lange. Zwei Anstalten in NRW setzen das bereits um. Vor zirka anderthalb Jahren ist das Projekt bei uns konkret geworden und hat dann nochmal ein halbes Jahr Vorbereitungszeit erfordert."
Im Gegensatz zu regulären Ausbildungen, sind die Anforderungen an das Arbeiten mit handwerklichen Werkzeugen in der JVA besonders streng: "Der Teilnehmerkreis ist sehr ausgesucht. Es gab mit allen vorher ein persönliches Gespräch. Der Werkzeugbestand wird nach jedem Kurs auf Vollständigkeit überprüft und die Inhaftierten mit einem Sensor abgetastet. Im Umgang mit den Werkzeugen gibt es klare Regeln. Ein Restrisiko ist trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nicht auszuschließen."
Die im Kurs entstandenen Werke wurden bei der HWK-Zertifikatsübergabe ausgestellt. Foto: © Alexander BarthAktuell ist der zweite Kurs angelaufen. Das Kursangebot sieht Geszler als "Plan B zu dem, wie die Inhaftierten ihr Leben bisher geführt haben. Arbeit ist ein Tool, mit dem man sie einfangen, motivieren und Strukturen vermitteln kann". Geszler ist selbst Tischlermeister und dadurch befugt, die Teilnehmer anzuleiten und auszubilden. "Mit dem Kurs kann ich meine Liebe zum Handwerk mit einem für die Gesellschaft sozialrelevanten Aspekt verknüpfen."
Holz bietet als Material einen sehr schnellen Zugang und vermittelt ein haptisches Gefühl. Holzhocker, Stühle, Beistelltische, Schachbretter und Teufelsknoten wurden während der Kursdauer gefertigt. "Unser TSM1-Kurs (Tischler-Schreiner-Maschinenschein 1), ebenfalls Bestandteil des Holz-Qualifikationskurses, befähigt die Teilnehmer, Holzbearbeitungsmaschinen, wie Sägen und Hobelmaschinen, sicher bedienen zu können. Nach der Haftentlassung ist das ein riesiger Vorteil, weil dem Betrieb keine zusätzlichen Kosten entstehen und die Person eigenständig arbeiten kann."
In der JVA Rheinbach leben aktuell 578 Inhaftierte im Alter zwischen 24 und 82 Jahren im Erwachsenenvollzug. Betrugsdelikte, Körperverletzung, Diebstahl oder Mord sind Delikte, die zu unterschiedlich langen Freiheitsstrafen geführt haben. Mit Haftantritt werden alle persönlichen Gegenstände, die sogenannte Habe, in der "Kammer" einer JVA abgegeben. Ein Ehering könnte ein persönlicher Gegenstand sein, der bei dem Inhaftierten verbleiben kann.
"Es darf kein sehr hoher Wert sein und nichts, was später zu Handelsware werden kann", so Geszler. Neben den persönlichen Habseligkeiten versorgt die "Kammer" die Inhaftierten mit anstaltseigener Kleidung, Wäsche und Bedarfsartikeln. Die Lebensmittelversorgung wird komplett über die Haftanstalt abgedeckt, einmal wöchentlich kann ein Einkaufsangebot für persönliche Verbrauchsgüter, wie beispielsweise Schokolade, genutzt werden.
In der Haft können Radio, TV oder eine Zeitung im Abonnement genutzt werden, zudem gibt es eine Bibliothek. Für Besuche und Telefonate gibt es vorgegebene Kontingente, die genutzt werden können. Die Nummern werden im Vorfeld verifiziert. "Einen Brief zu schreiben ist eine ganz klassische Form, um mit der Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben", berichtet Anstaltsleiterin Renate Gaddum. "Die JVA Rheinbach ist eine eigene kleine Welt. Wir haben eine Kirche, ein Lazarett, eine Küche, eine Kantine und bieten unterschiedliche Sportangebote wie Fußball, Kraftsport oder Tischtennis an, die in der einstündigen Freistunde pro Tag genutzt werden können."
Die Arbeit in der Haftanstalt ist herausfordernd
Auf dem Gelände befinden sich neben der Holzwerkstatt außerdem weitere handwerkliche Werkstätten wie eine Buchbinderei oder Schlosserei. Die Unterbringung der Inhaftierten erfolgt in den meisten Fällen in Einzelhafträumen. In Einzelfällen, beispielsweise auf Wunsch des Gefangenen, ist eine Unterbringung in Doppelzellen möglich. Beim abendlichen "Umschluss" ist es den Inhaftierten gestattet, andere Inhaftierte in ihren Zellen zu besuchen.
Die Arbeit in der Haftanstalt beschreibt Renata Gaddum als herausfordernd, "denn man hat immer wieder mit neuen Menschen und neuen Situationen zu tun. Man trifft auf Menschen mit Fluchthintergrund, Traumatisierungen, psychischen Erkrankungen oder Personen, die schon früh mit Drogenkonsum angefangen haben. Umso mehr schätze ich unsere Arbeit im Team".
Medi wird bereits im Folgekurs als Vorarbeiter eingesetzt
Von Menschen, die temporär in der JVA arbeiten, weil sie in der Staatsanwaltschaft, Psychologie oder Sozialarbeit hospitieren und arbeiten hört sie oft: "Das habe ich mir ganz anders vorgestellt. Nicht so menschlich." Der zuvorkommende und freundliche Kontakt mit den Insassen wird auch bei der Begegnung mit Medi deutlich. Es ist sein zweites Mal in Haft. Seine Leistungen im Holzqualifikationskurs sind so positiv aufgefallen, dass er im Folgekurs als Vorarbeiter eingesetzt wird.
"Es ist ein glückliches Gefühl, das Zertifikat bekommen zu haben. Ich habe in den letzten sechs Monaten meine Zeit sinnvoll und gut genutzt für die Zukunft. Damit habe ich es später einfacher, an Jobs zu kommen. Herr Geszler ist ein strenger, aber fairer und guter Ausbilder gewesen", sagt Medi stolz. "Holz kommt im Leben überall vor, sei es bei einem Tisch, Bett oder einer Kommode, ohne Holz geht es nicht. Wir haben mit verschiedenen Holzarten gearbeitet und gelernt, wie vielfältig kombinierbar das Material ist."
Arbeiten, Bücher und praktizierter Glaube sind für die ehemalige Sicherheitsfachkraft zu Luxusgütern in der Haft geworden. "Mit meinem früheren Leben habe ich abgeschlossen. Jetzt habe ich die Zeit, um an mir selbst zu arbeiten. Wenn man etwas investiert, kommt es Gutes dabei rum. Ich versuche auch in der Haft, den Kontakt zu anderen Inhaftierten zu vermeiden - aus Eigenschutz. Bildlich gesprochen kann man selbst ein guter Autofahrer sein und trotzdem kann man auf jemanden treffen, der nicht fahren kann."
Wenn ihn die Haft eine Sache gelehrt hat, dann was? "Geduld zu haben. Im Gefängnis kannst Du nichts selbst machen, Du bist absolut fremdbestimmt. Die Kopie meines Zertifikats möchte ich in meinem Ordner ablegen. Dafür muss ich die Beamten fragen, das dauert dann zirka einen Tag." Wenn er nachmittags zurück in seiner Hütte ist, so nennt er den Haftraum liebevoll, hat er 28.800 Sekunden in gefühlter Freiheit gearbeitet. Es bleibt ihm zu wünschen, dass daraus bald lebenslänglich wird. Lebenslange Freiheit.
*Um die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Person zu schützen, haben wir etwaige Tätowierungen im Foto unkenntlich gemacht und den Namen verändert.
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Text:
Daniela Rissinger /
handwerksblatt.de
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