Bildungspolitik: "Wir brauchen in NRW klare Ziele"
Bildungsministerin Dorothee Feller war zu Gast bei der Vollversammlung des WHKT. Dort sprach sie über die Pläne der Landesregierung. Oft sei in der Bildungspolitik um einzelne Themen gegangen. Jetzt wolle sie das große Ganze in den Blick nehmen.
Die großen Erwartungen des Handwerks an die schwarz-rote Bundesregierung, die seit Mai 2025 im Amt ist, sind bisher nicht erfüllt worden. "Bisher ist der große Reformschlag leider ausgeblieben. Die Bundesregierung hat grundsätzlich erkannt, dass Handlungsbedarf besteht, doch bislang haben die von ihr angestoßenen Maßnahmen nur begrenzte Wirkung entfaltet. Statt eines Herbstes der Reformen gab es einen Herbst der Enttäuschungen", erklärte Berthold Schröder bei der Frühjahrs-Vollversammlung des Westdeutschen Handwerkskammertags (WHKT).
Die Reform des Sozialstaats dürfe nicht weiter verschleppt werden. "Wir brauchen jetzt schnelle Maßnahmen", forderte der WHKT-Präsident. Nach den Wahlen in den Flächenländern öffne sich ein Zeitfenster, in dem die Bundesregierung notwendige Reformen auf den Weg bringen könne. "Und ich hoffe, dass die Bundesregierung dieses Zeitfenster nutzt, denn unsere Betriebe brauchen dringend Entlastung und Perspektiven." In der Handwerkskonjunktur gebe es nur wenig Wachstum und die Betriebe hielten sich mit Investitionen zurück.
Sinkende Auftragseingänge und unsichere Perspektiven
Viele Betriebe berichten laut Schröder von sinkenden Auftragseingängen und unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven, bei gleichzeitig steigenden Kosten. "Der erneute Anstieg bei den Mineralölpreisen stellt auch unsere Handwerksfuhrparks vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges Signal von Wirtschaftsministerin Reiche, wenn sie den täglich mehrmaligen Preiserhöhungen an den Tankstellen einen Riegel vorschieben will." Davon solle man nicht zu viel erwarten, aber es mache sie Situation für die Handwerksbetriebe etwas planbarer.
Gleichwohl gebe es auch positive Entwicklungen, nämlich "erste Erholungstendenzen" in der Baubranche und der vom Bundeskabinett beschlossene Bürokratieabbau. Diese Maßnahmen müssen die Bundesregierung nun schnell umsetzen. Schröder: "Wir müssen hier wirklich Tempo machen, sonst stehen viele Unternehmerinnen und Unternehmer bald vor dem Kollaps." Das auf Landesebene verabschiedete Beschleunigungs- und Entlastungspaket habe ebenfalls Potenzial. Besonders interessant sei der angekündigte Praxischeck für Handwerk und Gastgewerbe. Der WHKT sei diesbezüglich aktuell in Abstimmung mit dem Land, Ergebnisse sollen noch vor der Sommerpause vorliegen.
Schröder fordert Verbesserung für das Meister-BAföG
Schröder forderte Veränderungen für das Meister-BAföG. Das Antragsverfahren sei unglaublich kompliziert und bürokratisch und verzögere so eine zeitnahe Auszahlung. "Hier muss dringend nachgebessert werden." Er forderte auch die Umsetzung der im Koalitionsvertrag versprochene Stärkung der Clearingstelle. Erkennbare Fortschritte gebe es seit Mitte 2025 nicht. Ähnlich sei die Situation bei der gesetzlichen Festschreibung der Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. "Bisher sieht es so aus, als ob es auf ein Fachgesetz hinauslaufen wird. Wir haben immer eine Verfassungsänderung bevorzugt, sehen aber auch ein Fachgesetz als zielführend an", sagte Schröder.
Ein weiterer Schwerpunkt war im Verlauf der Sitzung die Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen. "Wir brauchen Strategien, um deutlich bessere Allgemeinbildung am Ende der Schulzeit zu erreichen und NRW zu den Top Berufsbildungsländern in Deutschland zu machen", betonte Schröder. In den ersten zehn Schuljahren komme es nicht nur auf die klassischen Kulturtechniken an, sondern auch auf mehr Anwendungs- und Praxisbezug, um die junge Generation auf die Zukunft vorzubereiten.
Klare Ziele für die Bildungspolitik
Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU) berichtete über die aktuellen Pläne der Landesregierung in der Bildungspolitik. Sie wolle mit dem Schulkompass NRW 2023 eine klare Zielrichtung vorgeben. Das Land brauche klare Ziele auch über die Legislaturperiode hinaus, so Feller. Bisher sei es oft um Einzelthemen gegangen, "aber man hat nie das große Ganze gesehen". Mit dem Kompass habe die Regierung nun gleich vier klare Ziele formuliert: weniger Schüler, die die Mindeststandards verfehlen, mehr Schüler, die die Optimalstandards erreichen, Stärkung der sozialen und emotionalen Kompetenzen der Schüler und mehr Schüler, die Berufskollegs mit einer Anschlussperspektive verlassen.
"Alle Maßnahmen, die wir im nächsten Jahr ergreifen, müssen auf diese Ziele einzahlen", erklärte Feller. Ein wichtiger Aspekt sei die Verbesserung der Basiskompetenzen in Bereichen wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Zuhören. Sowohl in Grund- als auch in weiterführenden Schulen würden sie in den letzten Schuljahren besonders gefördert. Eine Maßnahme, die noch früher ansetzt, sei die landesweite Einführung von ABC-Klassen, um die Sprachkompetenz von Kindern im Jahr vor ihrer Einschulung zu fördern. "Wir wollen junge Menschen fit machen, noch bevor die erste Klasse startet. Das ist für NRW ein großer Schritt." Zu viele Kinder seien noch nicht schulfähig, wenn sie in die erste Klasse kommen.
Schulen sollen evidenzbasierter arbeiten
"Ein zweiter großer Schritt, der unser Schulsystem verändern wird, der draußen nicht so wahrgenommen wird, weil es etwas schwieriger zu vermitteln ist als eine ABC-Klasse, ist aber das Thema datengestützte Qualität." Schulen sollen "viel mehr evidenzbasiert" arbeiten. "Und deswegen werden wir mit einer Lernstandserhebung in der fünften Klasse beginnen. Es gibt jetzt schon bundesweite Lernstandserhebungen in der dritten und in der achten Klasse. Zukünftig wird es solche auch in der zweiten und in der siebten Klasse geben." Schulen könnten so Entwicklungen bei den Schülern feststellen, wie sich ihr Kompetenzerwerb entwickelt und dann mit konkreten Maßnahmen nachsteuern.
"Die Schulaufsichten sollen die Schulen noch enger beraten als bis heute, und zwar immer auf der Grundlage der datengestützten Qualitätsentwicklung auf der Grundlage der Lernstandserhebung." Die Schüler sollen aber auch die Möglichkeit erhalten, ein Feedback zu geben. Das werde bereits erprobt und soll nach einer Evaluierung für Schulen verpflichtend eingeführt werden. Bei den Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) gebe es Nachholbedarf an den Schulen in Nordrhein-Westfalen. Feller sprach KI-Tools für Lehrer und KI-Agenten für Schüler an, die den Lehr- und den Lernerfolg steigern könnten.
WHKT unterschreibt Kooperationsvereinbarung
Die Landesregierung wolle auch Schule und Wirtschaft besser verzahnen. Die Initiative "fit for life" soll hier Experten aus verschiedenen Berufen mit Schülern zusammenbringen und schon früh das Verständnis für die Berufswelt fördern. So könnten Praktiker ihre Erfahrungen weitergeben und Einblicke in die Berufswelt geben. Hier setzt auch die App "LifeTeachUs" an. Die Plattform bringt ehrenamtlich Engagierte und Schulen zusammen, um Unterrichtsausfälle abzufedern und lebenspraktische Inhalte stärker in den Schulalltag zu integrieren. Ludwig Thiede, Herausgeber der App, stellte die Funktionen vor und unterzeichnete eine Kooperationsvereinbarung mit dem WHKT.
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Text:
Lars Otten /
handwerksblatt.de
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