Makkaroni-Produktion in Riesa; Foto: © Annchen Witt

Makkaroni-Produktion in Riesa. Foto: © Annchen Witt

Wie kommt das Loch in die Makkaroni?

Panorama

Die Teigwaren Riesa GmbH wurde 1914 in dem sächsischen Städtchen Riesa gegründet. Heute exportiert sie Nudeln in alle Welt. Eine Erfolgsgeschichte.

Einst soll ein Riese auf seiner Wanderschaft am Ufer der Elbe eine Rast gemacht haben. Weil seine Stiefel voll mit Sand waren, setzte er sich nieder und schüttelte sie aus. Auf diesem Sandhügel sollen sich später Menschen angesiedelt und das Fleckchen Erde "Riesa" benannt haben. Wenn das Ganze auch einer hübschen Legende entspricht, wird sie noch heute von den Bürgern der sächsischen Kleinstadt liebend gern weiter erzählt und gelebt. Deshalb findet man den Riesen nicht nur im Stadtwappen, sondern mit etwas Glück trifft man ihn leibhaftig auf Straßen, Veranstaltungen und Märkten der Stadt. Es gibt kein Event, wo der Riese, alias Gunter Spies, im normalen Leben Braumeister, fehlt. Das beliebte Stadtmaskottchen wird nicht nur von Kindern mit großen Kulleraugen angestaunt, sondern von den Besuchern regelrecht umschwärmt. Sie alle bannen den Riesen, wenn er in seiner faszinierenden Riesenkluft mit gewaltigen Stiefeln und einer Riesenkeule durch die pulsierende Stadt stapft, auf das Erinnerungsfoto.

Doch die Zeiten ändern sich und inzwischen gibt es in der Stadt hochmoderne Industrieanlagen, die den Pulsschlag der Zeit bestimmen. So reist der Riese heute, wenn auch nur auf dem Logo der Nudelpackungen der Teigwarenprodukte, um die Welt.

Nudeln aus Riesa werden in zahlreiche Länder exportiert

Besuch der Produktion; Foto: © Annchen Witt Besuch der Produktion; Foto: © Annchen Witt

Doch bis es soweit war, mussten viele Hürden überwunden werden und eine wechselvolle Geschichte bestimmte das eher verschlafene Kleinstädtchen. Es heißt, dass das Fauchen der ersten deutschen Ferneisenbahn im 19. Jahrhundert, welche von Leipzig nach Dresden führte, Riesa aus dem Schlaf erweckt habe. Auf Grund der damals neu entstandenen Verkehrswege, siedelten sich Firmen an und lockten viele Menschen in die Stadt. Durch diese fortschreitende Industrialisierung kam es zu Versorgungsproblemen. Es galt Lösungen zu finden. Initiativen von Verbrauchern und Gewerkschaftsvereinen beschlossen auf Grund von Sozialreformen Konsumgenossenschaften zu gründen. Deshalb erwarb im April 1908 der Consumverein Hamburg ein 42.000 Quadratmeter großes Areal zur Errichtung eines Industriegebietes. Es entstanden drei riesige imposante Backsteingebäude, auf die die Riesaer voller Stolz blickten und welche das Image der Stadt aufwerteten. Eines davon blickt nun auf 100 Jahre Nudeltradition zurück.

Die Teigwaren Riesa GmbH ist heute unangefochtener Marktführer in den neuen Bundesländern, größter Nudelhersteller von Markenartikeln in Deutschland sowie Exporteur verschiedenster Nudelprodukte in zahlreiche Länder der Welt.

Mehr als 100 Jahre Firmengeschichte

Das heutige Traditionsunternehmen, die Teigwaren Riesa GmbH, früher im Volksmund als "Nudelbude" bekannt, kann auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken. Laura Kny, die motivierte Marketingchefin, weiß dazu die vielfältigsten Geschichten zu erzählen und führt selbst gern Besucher durch die wieder im Mittelpunkt stehende Firma. Sie erzählt, dass sie zum 100. Jubiläum frühere Mitarbeiter durch die modernen, lichten Hallen führte und in Gesprächen Spannendes aus früheren Zeiten erfuhr. Diese Führung, sagt sie, sei nicht nur für sie voller interessanter Geschichten gewesen, auch die gemeinsame Fachsimpelei über: "Wie kommt das Loch in die Nudel?", beschäftigte alle Altersklassen.

Seit der Gründung der Teigwarenfabrik Riesa im Jahre 1914 gab es schon allerhand Veränderungen, denn 1928 produzierten 250 Mitarbeiter insgesamt 8.100 Tonnen Nudeln pro Jahr, während heute etwa 30.000 Tonnen Teigwaren jährlich, etwa 1.200 LKWs, das Werk verlassen. Wobei im Moment nur etwa zehn Prozent in den Export gehen, berichtet Irmgard Freidler, Geschäftsführerin der Firma.

Privatisierung im Jahr 1993

Foto: © Annchen Witt Foto: © Annchen Witt

Sie erinnert auch an die Wirren der Wendezeit mit einer vorübergehenden Schließung des Werkes, aber auch an den Neubeginn mit der Privatisierung im Jahr 1993. Daran knüpft sie ihre ganz eigenen, persönlichen Erinnerungen, besondere Momente und Emotionen voller Freude. Irmgard Freidler erzählt, dass ihr Mann damals den Direktvertrieb von Produkten ihrer kleinen Firma in Trochtelfingen organisierte und regelmäßig durch die gesamte Bundesrepublik reiste. So führte sein Weg auch nach Riesa, wo er einen relativ modernen Betrieb aus DDR-Zeiten vorfand, der aber gerade aus marktwirtschaftlichen Gründen nicht weitergeführt werden konnte und vor dem Aus stand. Das Ehepaar Freidler ließ die Idee, das Unternehmen zu retten, nicht mehr los. Sie rechneten, planten, überlegten, verwarfen, doch der Funke war übergesprungen. Klaus Freidlers Visionen überzeugten uns, meint sie heute. Sie erkannten das Potenzial, welches in den zum Teil noch relativ neuwertigen Maschinen steckte. Sie erkannten aber auch, dass hier die Menschen waren, die ihre Arbeit liebten und – das Wichtigste – hervorragende Fachkompetenz besaßen.

Natürlich war der Neubeginn unter marktwirtschaftlichen Aspekten hart und entbehrungsreich. Doch mit der Belegschaft im Hintergrund war es der Familie Freidler nicht bange, und sie begannen ihren gemeinsamen Kampf. Sie nutzten nicht nur ihre Chance, sondern gaben der gebeutelten Region ein positives Zeichen. Nach einigen Querelen gab es den wirtschaftlichen Aufschwung. Die Teigwarenfabrik Riesa ging Anfang 1993 in Familienbesitz über und die Teigwaren Riesa GmbH wurde gegründet. Getreu ihrem Motto "Volle Nudelkraft voraus!" hat sich die "Teigwaren" seither als unangefochtene Nummer "Eins" in den neuen Bundesländern etabliert und gewann sowohl national als auch international weiter an Bedeutung. Zu verdanken ist das dem steten Einsatz von Klaus Freidler, einem unermüdlichen Perfektionisten mit großem Erfahrungsschatz und dementsprechenden Weitblick.

Auch Gluten-freie und Bio-Nudeln im Sortiment

Schneideanlage; Foto: © Annchen Witt Schneideanlage; Foto: © Annchen Witt

Mittlerweile ist die Firma sowohl am Unternehmensstandort Riesa als auch in den Verbrauchermärkten nicht mehr wegzudenken. Es galt zwar ein breit gefächertes Angebot zu schaffen, aber von über 100 verschiedenen Nudelsorten, konzentrierte man sich auf sechs Hauptsortimente. Die begehrten Klassiker "Schlemmerliebling", "Fitmacher" und "Gold Traum" sowie ein Sortiment an Vollkornnudeln waren bald in allen Marktregalen zu finden. Die Nachfrage bestimmt das Sortiment und neue Rezepturen wurden getestet und die Gluten-freie Nudel und ein Bio-Sortiment eroberten den Verbraucher. Für eine bessere visuelle Unterscheidung der Markensortimente ließ man Farben mit einem modernen Verpackungsdesign sprechen.

Die Spirelli ist mittlerweile die prominenteste Nudel in Deutschland und wurde von der Stiftung Warentest untersucht. Unter 25 Marken Spiralnudeln erzielten "Schlemmerliebling"-Spirelli einen respektablen 4. Platz, punktgleich mit dem 3. Platz und erhielten das Qualitätsurteil "gut". Zu den kurz- und mittelfristigen Zielen gehört neben dem Erhalt und dem Ausbau der aktuellen Marktposition, ebenso das Wachstum der Exportabteilung. Um diese Unternehmensziele zu erreichen, gilt es nicht nur auf die traditionell sehr guten Produkte zu setzen, sondern sich neben den klassischen Nudelausformungen mit neuen innovativen Nudelwaren am Markt zu positionieren. Mit dem Bau eines zweiten Produktionsgebäudes 2007 zur Herstellung von asiatischen Mie-Nudeln und XXL-Ausformungen hat sich Teigwaren Riesa ein Alleinstellungsmerkmal auf dem europäischen Teigwarenmarkt geschaffen. Irmgard Freidler betont, dass Nudeln aus Riesa bei den Engagements stets im Fokus stehen und viele Events durch ihre vielseitigen Einsatzmöglichkeiten optimal bereichern. "Besonders mit dem Bereich Sport sind unsere Produkte hervorragend kombinierbar, da die energiereichen Kraftpakete die nötige Power liefern", so Freidler. Nudeln wurden seit 2009 in allen Varianten immer beliebter, und immerhin werden pro Kopf 7,7 Kilogramm in Deutschland verzehrt. Nudeln bieten geschmackvolle und vielseitige Zubereitungsmöglichkeiten. Sie geben dem Körper wichtige Kohlenhydrate, enthalten zahlreiche Mineralstoffe und Vitamine. Nudeln machen eben glücklich! Die in Riesa nach einzigartigen Verfahren hergestellten, schnellkochenden Nudeln sind unfrittiert und daher besonders fettarm.

Gesunde und schmackhafte Kohlenhydrate

Reines Hartweizen-Vollkornmehl ohne die Zugabe von Ei verleiht den Riesa Vollkorn-Nudeln einen hohen Anteil an Ballaststoffen, die charakteristische Farbe und den kernigen Geschmack. Sonstige Zutaten sind Mahlerzeugnis also Hartweizengrieß, Wasser, Salz und eventuell Ei. Sie werden zu einem gleichmäßigen homogenen Teig geformt. Nudelteige haben ein streuselartiges Aussehen.

Da der Teig nicht oder nur ungenügend erhitzt wird und die Verwendung von Ei ein guter Nährboden für mikrobiologische Prozesse bietet, wird dem Teig beim Kneten untergemischte Luft entzogen. Anschließend wird, je nach erwünschtem Endprodukt, der Teig weiterverarbeitet, zum Beispiel zu Band- oder Lasagne-Nudeln, Langware wie Spaghetti oder Makkaroni oder Kurzwaren wie Spiralen, Buchstaben oder Muscheln und durch dementsprechende Matrizen gedrückt.

Beste Rohstoffe werden schonend verarbeitet

Foto: © Annchen Witt Foto: © Annchen Witt

An die Formgebung durch die unterschiedlichsten Verfahren schließt sich ein Trocknungsprozess an. Vor diesem besitzen die Teigwaren einen Feuchtigkeitsgehalt von 30 bis 35 Prozent. Für den Trocknungsprozess ist eine relative hohe Luftfeuchtigkeit notwendig. Deshalb sorgt die Trocknungstemperatur und die Dauer des Prozesses in den optimalen Bereichen bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 bis 85 Prozent kombiniert mit einer geringen Luftbewegung für das gleichmäßige Entweichen des Wassers aus dem Produkt. Läuft eine Trocknung zu schnell ab, kann es zu Verkrustungen der Kapillare durch Teiginhaltsstoffe kommen. Der gesamte Prozess der Trocknung benötigt ca. vier Stunden. Danach sollte der Wassergehalt der fertigen Teigwaren nur noch elf bis zwölf Prozent betragen. Erst dann kann das Produkt entsprechend in modernen, computergesteuerten Verpackungsanlagen maschinell verpackt werden. Was einst in reiner Handarbeit begann, konnte im Laufe der Zeit durch schrittweise Modernisierungen kontinuierlich automatisiert und verbessert werden. Qualität steht dabei seit jeher an oberster Stelle und beginnt bereits bei der sorgfältigen Auswahl der Rohstoffe sowie deren schonender Verarbeitung. Deshalb werden nur beste Zutaten von regionalen Lieferanten sowie Eier von Hühnern aus Bodenhaltung verarbeitet, die ausschließlich gentechnisch unverändertes Futter erhalten. Die Teigwaren Riesa wurde dafür mit dem Tierschutzpreis "Das Goldene Ei" ausgezeichnet. Früher erfolgte das Schneiden der Makkaroni auf handelsübliche Länge in reiner Handarbeit, mittels Chassis, einer Vorrichtung zum manuellen Schneiden, heute wird auch das maschinell erledigt.

Die Produkte der Marke "Riesa Nudeln" sind nicht nur in und um Riesa ein gefragtes Lebensmittel. Auch in anderen Ländern stehen sie regelmäßig auf dem Speiseplan und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. So finden sie derzeit sogar den Weg nach Frankreich, Großbritannien, Schweden, Kanada, Osteuropa, China und sogar Australien.

Exportgeschäft soll weiter ausgebaut werden

Dafür ist eine langfristige Vorbereitung und gute Koordination erforderlich. Dies beginnt bei der Verpackung der Nudeln in Beuteln mit der jeweiligen Landessprache, führt weiter über die entsprechende Verladung und Erstellung verschiedener Dokumente zur Einführung der Nudeln bis hin zur termingerechten Anlieferung einwandfreier Produkte. "Das Exportgeschäft entwickelte sich in den vergangenen Jahren stetig positiv, wobei auch bei den ausländischen Verbrauchern sowie dem deutschen Markt, der Trend zu mehr Qualitätsbewusstsein zu erkennen ist. Der Ausbau der Exporte gehört auch in den nächsten Jahren zu unseren Hauptaufgaben. Wir möchten unsere Produkte international etablieren, ‚Riesa Nudeln' noch bekannter machen", sagt Laura Kny. Wer die Welt per Schiff erkundet, muss auf Nudeln aus Riesa nicht verzichten. Seit 2013 bietet sogar AIDA Cruises ihren Gästen auf den Kreuzfahrtschiffen vorwiegend Nudeln der Marken "Goldtraum" und "Wokstar" (asientypische Mie-Nudeln) an.

Der plötzliche Tod von Geschäftsführer Klaus Freidler war nicht nur für die Familie, sondern für das ganze Unternehmen ein Schock. Heute führen seine Frau Irmgard Freidler sowie die Söhne Oliver und Andre Freidler das aufstrebende Unternehmen mit viel persönlichem Engagement weiter. Sie wissen, es lohnt mit fachkundigen, engagierten Mitarbeitern allen die " Nudel" schmackhaft zu machen. Sie legen großen Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit allen Abteilungen der Firma wie Qualitätssicherung, Technik und Vertrieb.

Wie kommt das Loch in die Makkaroni?

Wer nun die Antwort auf die spannende Frage, wie kommt das Loch in die Makkaroni, finden möchte, kann sich vor Ort in einer 90-minütigen Werksführung bei laufender Produktion schlau machen. Dabei erhält der Besucher faszinierende Einblicke in die moderne Nudelherstellung. Außerdem zeigt das Nudelmuseum historische Fotos, Plakate, Matrizen, Waagen, Pressen, Urkunden und eine große Sammlung an einstigen Produktverpackungen sowie ausführliche Informationen zum Werdegang der Teigwarenfabrik Riesa seit ihrer Gründung im Jahr 1914. Liebevoll verzierte Präsente gibt es im Nudelkontor, welches ein wahres Schlaraffenland für alle Nudelfans ist. Ob gedreht, mit Loch oder als Nest.

Zum krönenden Abschluss eines Besuches kann im Restaurant "Makkaroni" allerlei Herzhaftes und Süßes an Nudelspezialitäten probiert werden. Und wer selbst den Kochlöffel schwingen möchte, kann im Kochstudio sein eigenes Menü kreieren. Sogar einer Sächsischen Nudelkönigin kann man begegnen. Sie wird seit 2012 jährlich neu gewählt.

Infos: Teigwaren Riesa GmbH; Nudelcenter Riesa, Merzdorfer Str. 21-25, 01591 Riesa, Tel. 03525/72 03 55; Fax 03525/ 72 03 58, E-Mail: nudelcenter@teigwaren-riesa.de, teigwaren-riesa.de

Text: / handwerksblatt.de

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