Handwerk

Foto: © Peter Lessmann

Flüchtlinge: Willkommen im Handwerk!

handwerksblatt.de stellt Betriebe aus unterschiedlichen Kammerbezirken vor, die Flüchtlinge ausbilden oder ­beschäftigen. Wie etwa der Betrieb "Lkw-Service Münster".

"Wenn die Chemie nicht gestimmt hätte, dann hätten wir den Ausbildungsvertrag nicht geschlossen", sagt Monika Jöcker. Die Geschäftsführerin vom Lkw-Service Münster beschäftigt zehn Mitarbeiter, fünf arbeiten in der Werkstatt, davon sind zwei Auszubildende. Familiär geht es hier zu. "Meine Jungens", nennt Jöcker die Mitarbeiter aus der Werkstatt liebevoll. In einem so kleinen Team ist es notwendig, dass man sich gut versteht, dass der Humor passt. Und der passt bei Fener Hamo, obwohl er nicht gerade aus der Nachbarschaft stammt.

Der Kurde ist aus einer kleinen Stadt im Norden Syriens vor dem Krieg geflohen. Auch seine Eltern sind mittlerweile hier. Schwer zu sagen, ob sie jemals in ihre zerstörte Heimat zurückkehren können. Momentan wohnen sie bei Fener Hamos Bruder, der seit etwa 14 Jahren in Deutschland lebt. Auch Fener Hamo ist bereits seit fast drei Jahren hier. Dank einer ehrenamtlichen Betreuerin von der Diakonie hat er bei dem Projekt "Ausbildung von Flüchtlingen in deutschen Handwerksbetrieben" der Handwerkskammer Münster mitgemacht. Es ist am 1. Juli mit 20 Teilnehmern gestartet, von denen sieben eine Ausbildung angefangen haben und einer eine Einstiegsqualifizierung absolviert.

Zeit und Fingerspitzengefühl sind nötig

Eine der Projektverantwortlichen ist Diplom-Pädagogin Andrea Hahn. Sie organisiert zusammen mit dem Jobcenter Deutschkurse für die Teilnehmer und unterstützt sie dabei, alle notwendigen Genehmigungen beizubringen. Hahn stellt auch den Kontakt zwischen den Flüchtlingen und den Betrieben her. Letztere sollten erfahrene Ausbilder haben, denn trotz der intensiven Begleitung, die sie und ihr Kollege während der gesamten Lehre leisten, benötigt die Ausbildung von Flüchtlingen Zeit und besonderes Fingerspitzengefühl, meint Hahn.

Lkw-Service Münster war als guter Ausbildungsbetrieb bekannt. Außerdem passten Fener Hamos Berufswunsch und seine Eignung zum Betrieb. Er hat in Syrien als Hilfsarbeiter in einer Kfz-Werkstatt gearbeitet. Also hat Andrea Hahn zum Hörer gegriffen und Monika Jöcker angerufen, um zu fragen, ob sie sich vorstellen könnte, einen jungen Mann aus Syrien auszubilden.

Morgens kam der Anruf und schon am Nachmittag hat Fener Hamo sich in der Werkstatt vorgestellt. So viel Engagement hat Jöcker gefallen. Drei Tage hat der junge Mann probeweise gearbeitet, dann hat Jöcker ihm eine Ausbildung als Nutzfahrzeugmechatroniker angeboten. Sie erinnert sich noch an sein ungläubiges Staunen. Ganz ruhig sei er geworden. Dann habe er sich umgedreht und sei gegangen, und als er sich unbeobachtet glaubte, sei er aus dem Stand hoch in die Luft gesprungen. "So eine Freude erlebt man selten", schmunzelt Jöcker. Jetzt arbeitet Hamo seit acht Wochen im Betrieb und Monika Jöcker und Meister Siegfried Taube sind voll des Lobes. "Er sieht die Arbeit und packt mit an", sagt Jöcker. "Und er kann seine Erfahrungen einbringen."

Jeden Freitag nach der Schule besucht Hamo noch einen Deutschkurs, verständigen kann er sich inzwischen gut, nur die Fachausdrücke fehlen ihm noch. Auch hat er Bedenken, ob er in Mathematik mitkommen wird. In Syrien hat er nur acht Jahre die Mittelschule besucht. Seine Mitschüler in der Berufsschule wurden alle in Deutschland geboren und haben den Realschulabschluss. Falls es Probleme in der Schule geben sollte, kann Jöcker sich bei der Handwerkskammer melden.

Der neue Azubi ist hoch motiviert

Auch die Kreishandwerkerschaft bietet Förderungen an. Aber sie ist sehr zuversichtlich, denn ihr neuer Azubi ist hoch motiviert. Zunächst muss er jedoch den Führerschein machen, denn seine Bescheinigung aus Syrien wird in Deutschland nicht anerkannt. Fener Hamo sagt, dass für ihn mit der Ausbildung ein Traum in Erfüllung geht. Vorher hat er in einem Döner-Imbiss gejobbt, um die Familie zu unterstützen. Pläne, die über die Ausbildung hinausgehen, will er nicht machen. Er habe Angst vor der Zukunft, sagt er. Man könne nie wissen, was passiert.

Monika Jöcker ist froh, dass sie sich für Fener Hamo entschieden hat. "Eigentlich wollten wir nicht mehr ausbilden. Aber dann haben wir gar keine Fachkräfte mehr", sagt sie. Sie sei mit beiden Auszubildenden sehr zufrieden. Sie seien höflich, sympathisch und lustig. Noch nie seien sie zu spät gekommen. Ihr Urteil über die Beschäftigung von Flüchtlingen? "Ich würde das empfehlen. Betriebsinhaber können nichts verkehrt machen", sagt Jöcker: "Während der Probezeit von fünf Monaten lernt man einen Menschen kennen."

Unterstützung in MünsterIm Rahmen des vom Bundesentwicklungsministerium ­geförder­ten Projektes "Ausbildung von Flüchtlingen in deutschen Handwerksbetrieben" vermittelt die Handwerkskammer Münster Flüchtlinge aus ­Krisenregionen mit gesichertem Aufenthaltsstatus und nötiger Ausbildungsreife. Betriebe und Azubis ­werden während der gesamten Ausbildung von der Kammer betreut. Angesprochen sind vor allem Betriebe aus dem Bau- und Ausbaugewerbe, dem Metallbau, dem Kfz-Gewerbe, dem Nahrungsmittelhandwerk und den Gesundheitsberufen. Melden können sich interessierte Betriebe aus dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region. Ansprechpartner sind Andrea Hahn, Tel.: 0251/705 13 35, E-Mail: andrea.hahn@hwk-muenster.de und ­Michael Wichtrup, Tel: 0251/705 13 34; E-Mail: michael.wichtrup@hwk-muenster.de.

Fragen

Darf ich überhaupt Flüchtlinge ausbilden?
Seit sechs Jahren engagiert sich Andrea Hahn für die Integration von Menschen mit ­Mi­grations- oder Flüchtlingshintergrund in den Arbeitsmarkt. Hahn und ihre Kollegen sorgen dafür, dass zum Start der Ausbildung alle ­notwendigen Genehmigungen vorliegen.

Kann ich sicher sein, dass der Azubi zu meinem Betrieb passt?
Hahn legt viel Wert darauf, passgenau zu ­vermitteln. Sonst habe es für beide Seiten ­keinen Sinn. Sie koordiniert die Eignungsfeststellung der Teilnehmer. Anhand von Arbeitsproben und eigenen ­Berufswünschen werden sie in entsprechende Betriebe ­vermittelt. Schon vorab lernen sie in Kursen, die vom ­Jobcenter oder der Agentur für Arbeit finanziert ­werden, Deutsch, so dass ­Grundkenntnisse vorhanden sind.

Wie unterstützt die Kammer?
Die Kammer berät und begleitet Betriebe und die Azubis während der gesamten Ausbildung. Hahn achtet darauf, ob die Teilnehmer in der Berufsschule mitkommen oder Förderung brauchen und kümmert sich darum. Sie hat einen Blick darauf, wie der Kontakt zu den Kollegen ist und informiert die Teilnehmer über ihre Rechte und Pflichten als Azubis.

Wie kommt das Projekt an?
Um die 30 Betriebe haben sich innerhalb von nur wenigen Tagen gemeldet – aus dem Kammerbezirk und den Außenregionen. Auch die Rückmeldungen aus den ­beteiligten ­Betrieben sind positiv. Haupt­problem sei meist die Sprache, die Arbeitspraxis ­funktioniere gut. Das sei eben "klasse" im ­Handwerk, meint Hahn, dass die gemeinsame ­handwerkliche Arbeit verbinde.

Die Fragen stellte Melanie Dorda

Text: / handwerksblatt.de

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