Immer weniger junge Frauen nehmen eine Ausbildung im Handwerk auf. Bei den Tischlern liegt ihr Anteil bei den Ausbildungsanfängern bei etwas mehr als 13 Prozent. Damit das Handwerk weiblicher wird, muss für BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser ein Kulturwandel her. (Foto: © Antonio Diaz/123RF.com)

Mehr Frauen ins Handwerk - so könnte es gehen

Immer weniger junge Frauen beginnen eine Lehre im Handwerk. Damit die Zahlen wieder steigen, braucht es einen Kulturwandel bei den Betrieben. Doch auch Schülerinnen und ihre Eltern sind gefragt.

"Jung, weiblich und kaum Interesse am Handwerk" – diese Überschrift hat Anja Nikolic (Name von der Redaktion geändert) richtig wütend gemacht. Unsere Zeitung, das Deutsche Handwerksblatt, hatte in der Ausgabe 10 darüber berichtet, dass immer weniger junge Frauen eine Ausbildung im Handwerk beginnen. Vor Jahren wäre Anja Nikolic gerne eine davon gewesen. Nach der Realschule wollte sie Schornsteinfegerin oder Schlosserin werden. Doch kaum jemand habe wirklich eine Frau als Auszubildende gewollt. "Die Ausreden waren meist immer die gleichen: keine sanitären Einrichtungen für Frauen, das ist nichts für Mädchen, wenn ich dich einstelle bist du ja eh nach einem halben Jahr schwanger, Frauen haben im Handwerk nichts zu suchen", zählt sie auf. "Wenn man so abgewiesen wird, dann hat man echt keinen Bock auf Handwerk."

Abwärtstrend hat verschiedene Gründe

Foto: © DHBProfessor Dr. Friedrich Hubert Esser hält es nicht für ungewöhnlich, dass Frauen im Handwerk deutlich unterrepräsentiert sind. Dass ihr Anteil nur noch bei knapp über 20 Prozent liegt, hat für den Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) verschiedene Gründe.

Da ist zum einen die demografische Entwicklung. "Die Zahl der einheimischen jungen Menschen ist infolge einer weit unterdurchschnittlichen Geburtenrate aufseiten beider Geschlechter deutlich gesunken." Bei den Männern konnte die Nachfragelücke vor allem im Handwerk in hohem Maße durch Zuwanderer aufgefüllt werden. "Dieser Kompensationseffekt tritt bei den Frauen in dieser Ausprägung nicht auf."

Bildungsniveau junger Frauen steigt

Foto: © BIBBNegativ scheint sich für das Handwerk auch die stetig steigende Qualifizierung auszuwirken. "Junge Frauen verfügen durchschnittlich über bessere Schulabgangsnoten und wenden sich verstärkt Angeboten außerhalb des dualen Systems zu", erklärt Professor Esser.

Besonders gefragt sind bei ihnen etwa vollzeitschulische Ausbildungen in den Gesundheits- und Erziehungsberufen. Der anhaltende Trend zum Abitur tut sein Übriges. "Junge Frauen bilden bereits über mehrere Jahre bei den Erstsemestern an unseren Hochschulen die stärkste Gruppe."

Konzentration auf wenige Berufe

Hinzu kommt: Wenn sie sich für eine duale Berufsausbildung entscheiden, sind sie bei der Auswahl nicht sonderlich kreativ. Die 20 meistgewählten Berufe machen 70 Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge aus. Aus dem Handwerk haben es die Lehre zur Friseurin und zur Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk in den vergangenen zwei Jahrzehnten sogar immer unter der ersten Zehn geschafft.

Doch ihr Stern sinkt. Immer weniger Mädchen fangen eine Lehre in einem der beiden Berufe an. Das belegen die jährlichen Auswertungen des Statistischen Bundesamtes. Zwischen 2002 und 2017 hat sich die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bei den Friseuren von 15.450 auf 8.082 nahezu halbiert. Mehr als 50 Prozent beträgt der Rückgang bei den Fachverkäuferinnen. Wollten 2002 noch 10.644 junge Frauen in einer Bäckerei, Fleischerei oder Konditorei lernen, sind es 15 Jahre später nur noch 5.022.    

Weniger Bäckereien, viele leere Lehrstellen

Foto: © ZentralverbandFür die Misere führt der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks eine Reihe von Gründen an. Da sind zum einen die stark gesunkenen Betriebszahlen. 2009 waren noch fast 15.000 Bäckereien in der Handwerksrolle erfasst. Neun Jahre später sind es nur noch knapp 11.000. Ein weiteres Problem ist die Nachfrageseite. "Viele unserer Betriebe haben deutlich weniger Bewerbungen erhalten", so Nils Vogt, Referent für Berufsbildung und Fachkräftesicherung beim Zentralverband. Zuletzt seien über 3.800 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Das entspricht einer Quote von 40,6 Prozent. Der Trend zum Studium und der demografische Wandel tragen ebenfalls zur negativen Entwicklung bei.

Bedenklicher Abwärtstrend in Ostdeutschland

Vor allem in Ostdeutschland beobachtet der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks einen "bedenklichen Abwärtstrend". 2017 haben in allen drei Fachrichtungen insgesamt nur noch 546 junge Frauen eine Ausbildung zur Fachverkäuferin begonnen. Mit dem Mangel haben auch die Berufsschulen zu kämpfen. "Um die geforderte Mindestzahl von 15 Schülern pro Klasse zu erreichen, unterrichten einige von ihnen die allgemeinbildenden Fächer gewerkeübergreifend oder nutzen lehrgangsübergreifende Konzepte", verdeutlicht Nils Vogt. Mancherorts sei man gezwungen, "mit kreativen Maßnahmen der Klassen- und Unterrichtseinteilung" darauf zu reagieren. Damit wenigstens das bestehende Angebot erhalten bleibt, setzt sich der Zentralverband dafür ein, dass die Mindestzahl auf zehn Schüler gesenkt werden darf. Denn eines steht für Nils Vogt fest: "Ist ein Standort oder eine Abteilung erst einmal geschlossen, wird es bei Bedarf schwierig, wieder eine sinnvolle Infrastruktur herzustellen."

Attraktivität der Ausbildung wird gesteigert

"Back dir deine Zukunft" auf FacebookDas Bäckerhandwerk hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt. Um die Ausbildung zur Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk zukunftsorientiert zu gestalten, wird die Ausbildungsverordnung derzeit modernisiert. Auch konkurrenzfähige Vergütungen der Azubis sollen dazu beitragen, den Abwärtstrend zu stoppen. Mit der Nachwuchskampagne "Back Dir Deine Zukunft" informiert man "modern und zielgruppenorientiert" über die Ein- und Aufstiegsoptionen. "Die Möglichkeit, nach der Lehre mit einer Weiterbildung zur Verkaufsleiterin eine leitende Position in einem Betrieb zu übernehmen, ist durchaus attraktiv, häufig jedoch nicht ausreichend bekannt", ist Bildungsexperte Nils Vogt überzeugt. Hier beobachte man aber ein Umdenken. Viele Kunden seien bereit, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, die regional hergestellt und von guter Qualität sind. "Das macht auch eine Ausbildung im Bäckerhandwerk attraktiver."

Girls' Day alleine kann es nicht richten

Mehr Infos für Betriebe zum Girls' DayIn den meisten technischen Berufen des Handwerks sind junge Frauen eher selten zu finden. Eine geschlechterneutrale Berufsorientierung soll dies ändern. Fester Termin im Kalender der Schulen ist seit Jahren der Girls’ Day. Beim Mädchen-Zukunftstag können sich Schülerinnen ein Bild davon machen, wie es ist, in einem typischen Männerberuf zu arbeiten. "Aber wie alle Maßnahmen der beruflichen Orientierung sollte auch der Girls’ Day nicht für sich alleine stehen", meint BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Berufliche Orientierung sei ein Prozess, in dem verschiedene Maßnahmen ineinandergreifen sollten, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Berufswahl beleuchten. "Die Bearbeitung von Geschlechterklischees ist einer dieser Aspekte. Der Girls’ Day kann hierbei einen wichtigen Beitrag leisten", ist Esser überzeugt.

Handwerk ist eher männlich geprägt

Damit das Handwerk weiblicher wird, braucht es für den BIBB-Präsidenten so etwas wie einen Kulturwandel. "Hilfreich wäre zum Beispiel ein Klima, das erkennen lässt, dass Frauen als Teil der Belegschaft willkommen und auch als Unternehmerinnen im Handwerk sehr erfolgreich sind." Die vorherrschende Betriebskultur sei immer noch sehr "männlich" geprägt. Gerade jungen Frauen falle es damit schwer, die eigene berufliche Zukunft im Handwerk zu sehen – auch wenn sie an handwerklichen Tätigkeiten interessiert seien. Den jungen Frauen sollten weiterhin die Möglichkeiten des Handwerks eröffnet und die Begeisterung für die vielfältigen Einsatzgebiete geweckt werden. Wichtig ist hierbei für Friedrich Hubert Esser auch, die Eltern von den Pluspunkten einer Ausbildung im Handwerk zu überzeugen. Sein Fazit: "Beide Seiten müssen sich aufeinander zubewegen."

Top-25-Ausbildungsberufe von Frauen im Handwerk

 Ausbildungsberuf  Neuverträge Frauen absolut  
 Frauenanteil in Prozent  
 Friseurin 7.098 73,9
 Fachverkäuferin, FR Bäckerei 3.196 82,8
 Kauffrau für Büromanagement 2.954 73,5
 Augenoptikerin 2.005 68,1
 Konditorin 1.388 79,3
 Tischlerin 1.069 13,3
 Zahntechnikerin 1.041 54,6
 Malerin und Lackiererin 974 15,1
 Fachverkäuferin, FR Fleischerei  
924 68,1
 Kfz-Mechatronikerin 833 3,9
 Hörakustikerin 641 54,6
 Bäckerin 535 22,0
 Automobilkauffrau 482 37,7
 Elektronikerin 345 2,3
 Raumausstatterin 343 55,1
 Fotografin 294 65,0
 Orthopädietechnik-Mechanikerin 278 45,9
 Fahrzeuglackiererin 269 12,7
 Maßschneiderin 219 81,7
 Kosmetikerin 204 98,6
 Anlagenmechanikerin SHK 172 1,4
 Goldschmiedin 163 77,3
 Fachverkäuferin, FR Konditorei 148 80,0
 Feinwerkmechanikerin 142 5,7
 Gebäudereinigerin 140 16,6

Quelle: ZDH-Statistik, Neuverträge nach schulischer Vorbildung, 2018; eigene Recherche

Zweifel am Wandel zum Positiven

Mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen ist Anja Nikolic eher skeptisch. Vor mehr als zehn Jahren hat sie sich um eine Ausbildung in einem gewerblich-technischen Beruf beworben. Sie zweifelt stark daran, dass sich seitdem etwas zum Positiven gewendet hat – und in naher Zukunft wenden wird. "Nicht jeder alteingesessene Meister hat einen neutralen Blick auf Frauen in den Berufen des Handwerks."

Inzwischen hat sie sich mit einer Reinigungsfirma selbstständig gemacht. "Ohne Ausbildung", betont die 27-Jährige. Das sei nicht optimal, aber mittlerweile gehe es ganz gut. Sie würde sich wünschen, dass mehr junge Frauen eine duale Ausbildung beginnen. Eine Überschrift wie "Jung, weiblich und kaum Interesse am Handwerk" sei dabei wenig hilfreich. "Vielen vermittelt sie vielleicht ein noch schlechteres Bild als sie ohnehin von Frauen im Handwerk haben."

Text: / handwerksblatt.de

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