Biermarkt im Wandel: Der Druck auf Deutschlands Brauereien wächst
Der deutsche Biermarkt schrumpft deutlich. Gleichzeitig steigen die Kosten und das Konsumverhalten verändert sich. Alkoholfreies Bier wird wichtiger, die Konsolidierung nimmt zu und traditionelle Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand.
Der deutsche Biermarkt verliert rasant an Volumen. Sinkender Konsum, hohe Kosten und veränderte Kundenpräferenzen setzen die Deutschen Brauer unter Anpassungsdruck. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) markieren dabei mehr als nur ein weiteres schwaches Jahr – sie stehen für einen tiefgreifenden Strukturwandel.
Die Zahlen sind eindeutig: Der Bierabsatz in Deutschland ist 2025 um 6,0 Prozent auf rund 7,8 Milliarden Liter gesunken. Damit wurde erstmals seit Beginn der amtlichen Statistik im Jahr 1993 die Marke von acht Milliarden Litern unterschritten. Im langfristigen Vergleich fällt der Einschnitt noch deutlicher aus: Gegenüber 2015 entspricht der Rückgang fast 19 Prozent oder rund 1,8 Milliarden Litern. "Die Brauereien bekommen ähnlich wie Handel und Gaststätten die massive Konsumzurückhaltung der Verbraucher zu spüren", so Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes.
Struktureller Nachfragerückgang statt konjunktureller Delle
Der Absatzrückgang betrifft sowohl den Inlandsmarkt als auch das Auslandsgeschäft. Innerhalb Deutschlands sank der Bierabsatz zuletzt um 5,8 Prozent auf etwa 6,4 Milliarden Liter. Exporte und haustrunkener Anteil gingen sogar um 7,0 Prozent auf rund 1,4 Milliarden Liter zurück.
Aus Sicht der Branche ist entscheidend: Es handelt sich nicht um eine kurzfristige konjunkturelle Schwäche, sondern um einen strukturellen Nachfrageverlust. Insbesondere jüngere Konsumentengruppen trinken seltener Alkohol oder verzichten ganz. Gesundheit, Fitness, bewusster Konsum und neue soziale Normen verändern den Stellenwert von Bier nachhaltig. Der jahrzehntelang stabile Massenmarkt existiert in dieser Form nicht mehr.
Margendruck durch Kosteninflation
Parallel zur Absatzschwäche steigen die Kosten deutlich. Energiepreise, Rohstoffe, Verpackungsmaterial, Logistik und Personal belasten die Ergebnisrechnung vieler Brauereien. Zwar wurden Preise angehoben, doch die Durchsetzungskraft ist begrenzt. Der Lebensmitteleinzelhandel bleibt preisaggressiv, während Konsumenten sensibel auf weitere Verteuerungen reagieren.
Vor allem kleine und mittelständische Brauereien geraten dadurch unter Druck. Investitionen in Effizienzsteigerung, Automatisierung, Energieeinsparung oder Produktinnovationen sind notwendig, lassen sich jedoch zunehmend schwieriger aus laufenden Erträgen finanzieren. Branchenvertreter warnen offen vor einer beschleunigten Marktbereinigung.
Alkoholfreies Bier: Wachstumschancen trotz Absatzrückgangs
Zusätzliche Belastung kommt von der Absatzseite Gastronomie. Der Rückgang klassischer Wirtshausstrukturen, reduzierte Öffnungszeiten und eine insgesamt verhaltene Konsumstimmung treffen insbesondere das margenstarke Fassbiergeschäft. Für viele Brauereien ist dies betriebswirtschaftlich besonders schmerzhaft, da sich Fixkosten schlechter decken lassen.
Wachstum verspricht vor allem ein Segment: alkoholfreies Bier. Auch wenn diese Produkte statistisch nicht zum klassischen Bierabsatz zählen, entwickeln sie sich für viele Brauereien zu einem zentralen strategischen Standbein. Technologische Fortschritte haben Qualität und Akzeptanz deutlich verbessert, die Nachfrage wächst kontinuierlich. Branchenexperten gehen davon aus, dass alkoholfreie Varianten mittelfristig einen zweistelligen Marktanteil erreichen könnten. Allerdings erfordert dieses Geschäft erhebliche Investitionen in Anlagentechnik, Markenaufbau und Vertrieb – und kompensiert bislang nur einen Teil der Verluste im Kerngeschäft.
Deutscher Biermarkt: Konsolidierung und Wandel erwartet
Angesichts sinkender Volumina und steigender Kapitalanforderungen gilt eine weitere Konsolidierung als wahrscheinlich. Fusionen, Übernahmen und Produktionskooperationen nehmen zu. Ziel ist es, Skaleneffekte zu realisieren, Kapazitäten besser auszulasten und Investitionen gemeinsam zu stemmen. Die Zahl der Braustätten dürfte weiter zurückgehen, auch wenn Markenvielfalt und regionale Identität erhalten bleiben sollen.
Der deutsche Biermarkt bleibt relevant – wirtschaftlich wie kulturell. Doch sein Geschäftsmodell verändert sich grundlegend. Wachstum über Volumen ist kaum noch realistisch. Erfolgreich werden jene Brauereien sein, die ihre Portfolios konsequent an veränderte Konsummuster anpassen, Effizienzpotenziale heben und ihre Marken klar positionieren – im Premiumsegment, bei funktionalen Produkten oder im preisgetriebenen Massenmarkt.
Quellen: Destatis, Deutscher Brauer-Bund, eigene Recherche
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Text:
Jürgen Ulbrich /
handwerksblatt.de
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